Heinrich-Heine-Gesellschaft e.V.
Heinrich Heine Ehrengabe – Dieter Forte
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Dieter Forte
Dankesrede
Verleihung der Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft an Dieter Forte am 15. Februar 2003
Ich möchte mich bei allen Beteiligten für diesen Nachmittag bedanken. Mein besonderer Dank gilt der Heinrich-Heine-Gesellschaft für die Überreichung ihrer Ehrengabe. Das ist keine Floskel, ich meine es so und will meinen Dank begründen.
Als ich die Namen der bisher Geehrten sah, fiel mir eine Gemeinsamkeit auf, die alle beanspruchen durften: ihre geistige Unabhängigkeit. Eine Kontinuität, die man hoch einschätzen muß, denn mit den Ehrungen ist das so eine Sache. Sie geraten schnell ins Gefällige, werden routinemäßig weitergereicht, unauffällig wieder eingestellt. Wer erinnert sich noch an den Immermann-Preis der Stadt Düsseldorf. Literaturpreise wurden mir verweigert, weil die Vertreter der Stadt oder des Landes protestierend den Raum verließen, während die Fachjuroren in ihrer Einmütigkeit zurückblieben. Man sucht dann Kompromißkandidaten, da ist die Auswahl groß. Es gibt immer eine Literatur, die ihre wohlwollende Meinung findet, so beliebig das Werk, so beliebig der Preis.
Mir wurde der Basler Literaturpreis verliehen und der Bremer Literaturpreis der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung, beide wohl untadelig, daher annehmbar, die Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft schließt da würdig an.
Geistige Unabhängigkeit ist also den Entscheidungen der Heinrich-Heine-Gesellschaft zuzusprechen, die damit nicht nur sich selbst, sondern vor allem den Namensgeber Heinrich Heine ehrt. Er war nie mit den Bequemen und Gefälligen, er war Kritiker seiner Zeit und ihrer Traditionen, aber er war es nie aus politischer Parteinahme, er war es immer als geistig unabhängiger literarischer Schriftsteller. Denn Literatur entsteht nie – entgegen einem großen und verbreiteten Irrtum – als Parteirede in vorsätzlicher Interessenverbindung. Literatur entsteht im fast spielerischen Umgang mit der Sprache, mit einem Material, das natürlich Material der Zeit ist, in der sich das Leben der Menschen findet, die Realität ihrer Welt, die stillen Gedanken vergessener Geschichten, die verlorenen Worte der Einsamkeit. Wer aufrichtig sein will muß zugeben, daß es nicht anders geht, Ausweichmanöver werden literarisch bestraft.
Ilse Aichinger faßte das im Schlußsatz ihrer Dankesrede zum Österreichischen Staatspreis zusammen: »Es wird immer um Genauigkeit gehen, die gerade im Bereich der Literatur leicht abhanden kommt.« Diese literarische Haltung der zutreffenden Genauigkeit in der Sprache hat Heine sein Leben lang verteidigt. In diesem Punkt kannte er kein Pardon. Auf die Frage: Was ist in der Kunst das Höchste? gab er die Antwort: »Die selbstbewußte Freiheit des Geistes.«
Ein geistig unabhängiger Kopf in einer geistesengen Gesellschaft, ein Sprachspieler von größter Sensibilität in einer zensurierten, auch durch Sprache geordneten Welt, das muß zu Verletzungen führen, von denen die friedvolle Zufriedenheit nie etwas verspürt. Daß in seiner Gesellschaft alles stets in Ordnung sei, ist des Menschen innigster Glaube, daß seine Sicht der Welt und seine Gesetze Maßstab sind, ist für ihn natürlich und selbstverständlich. Sollte es Unruhe geben durch die Sätze eines literarischen Werkes, ist natürlich der Autor schuld, der auf unverständliche Art etwas sieht, was man selber noch nie gesehen hat. Der Autor verteidigt seine Sprache und damit das eigene Denken gegen Übergriffe und Verbote. Der gegenseitige Ton wird schärfer, die Mißverhältnisse größer. Da kann schon ein Liebesgedicht zur Polemik werden. Polemik ist denn auch das häufigste Wort in der Beurteilung der Heineschen Schriften. Es hat mich immer gestört, daß Zensur und gesellschaftlicher Druck bei der Beurteilung Heines zwar pflichtgemäß erwähnt werden, aber immer nur so als Anhang, nie als begriffene Vorbedingung seines Schreibens. Wenige können sich anscheinend eine Vorstellung davon machen, wie verstörend, hemmend und in das Schreiben eingreifend der politische Druck zum Gehorsam auf einen Autor einwirken: »Ach! Diese Geisteshenker machen uns selbst zu Verbrechern«, schreibt Heine resigniert.
Wenn Literatur genau sein soll, ist sie eben auch gesellschaftlich von Bedeutung und darüber treten dann Meinungsverschiedenheiten auf. Eher zur Tradition erzogene Menschen behelfen sich gerne mit dem seltsamen Begriff ›politische Literatur‹. Eher fortschrittlich orientierte werfen einem vor, mal wieder nur Literatur geschrieben zu haben. Ich kann manche Reaktion Heines, für viele unbegreiflich, sehr gut verstehen.
Denn das Szenario ist immer gleich, der Autor erfährt nach der Uraufführung, nach der Erstsendung, nach Auslieferung seines Buches (heutzutage auch schon vorher, ohne das einer das Buch kennt), daß er ein Tabu gebrochen hat. Aber erst durch die Behauptung, man habe ein Tabu verletzt, bemerkt nun jeder (auch der, der bisher gar nichts wußte und zu seiner Überraschung plötzlich eine Meinung hat), daß da etwas Unerkanntes war, vorher nicht so ersichtlich, jetzt klar zutagetretend, vor allem für die publizierte Öffentlichkeit. Die Arbeit des Künstlers erweist sich in der Reaktion der Öffentlichkeit als Auflösung einer Konvention, als neue Sicht auf Gewohntes, und ist somit offenbar notwendig gewesen. Das Kunstwerk wird zum Politikum, Sprache, Dramaturgie, Ästhetik sind unerheblich, es geht ausschließlich um die Zensur des Inhalts. »Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu; und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei.« Peinlich nur, wenn eine neue Sicht auf die Welt, die die Großväter mit all ihrer Macht von der Bühne fernhielten, sich in den Schulbüchern der Enkel wiederfindet, als nicht nur neue, sondern auch festzuhaltende Sicht der Welt. Wenn das, was man seinem Stadttheater verbot, um keinen Schaden an seiner Seele zu nehmen, nun an den Universitäten gelehrt wird.
Eine Zensur findet nicht statt, das schreibt sich leicht ins Grundgesetz. Die Theater werden subventioniert, und wenn die Stadtoberen mal einen Wunsch haben, nunja, das ist eben so. In den öffentlich rechtlichen Anstalten sitzen die Vertreter der gesellschaftlich relevanten Gruppierungen und achten auf ihre Interessen, und alle haben sich daran gewöhnt. Und der Redakteur mit der sinkenden Auflage, den sinkenden Einschaltquoten, dem Hypothekenhaus mit Frau und Kindern, der Freundin, dem Segelboot, dem Ferienhaus, wo er endlich mal aufatmen kann. Er schreibt dem Autor: »Sie haben es gut, Sie sind frei«. Mir wäre es inzwischen lieber, es gäbe, wie zu Heines Zeiten, eine offizielle Zensurbehörde, da wüßten endlich alle wieder, entlastet von ihrem schlechten Gewissen, woran man sich zu halten hat. Dem großen Tambourmajor sei dank gibt es aber auch heute noch Verleger wie Heines Campe, bemerkenswerte Menschen, von denen Heine versichern konnte, daß sie keine gewöhnlichen Buchhändler seien, die mit dem Edlen, Schönen, Großen nur Geschäfte machen, sondern daß sie manchmal das Große, Schöne, Edle unter sehr ungünstigen Konjunkturen drucken. Die Verlegerin des S. Fischer Verlages gehört dazu und muß in einem solchen Zusammenhang erwähnt werden.
Zurück zu Heine, damit zurück nach Düsseldorf, das hat mehr miteinander zu tun, als viele denken. Nicht weit von Heines Geburtshaus hörte ich, wie ein älterer Herr im schönsten singenden Rheinisch einen Besserwisser ins Leere laufen ließ mit dem wunderbaren Satz: »Ich hab auf jede Antwort eine Frage«. Der junge Heine hat wohl ähnliche Sätze gehört. Nicht nur die berühmt leichte und melodiöse Sprache Heines liegt für den, der hören kann, klar und hell über dem rheinischen Sprachduktus. Auch die rheinische Art, der alles im eigentlichen Sinn fragwürdig ist, wurde zur Heineschen Haltung. Selbst seine schwärmerischsten Gedichte enden oft in der fragenden, ungewissen Ernüchterung. Das ist die unauflösbare Paradoxie des Rheinländers, der grundsätzlich der Meinung ist, daß man die Dinge der Welt niemals beim Wort und erst recht nicht ernst nehmen darf, diesen Standpunkt aber ernst nimmt, und über den Zwiespalt zwischen den Prinzipien der großen Weltideen und ihrer schlichten Realität lachen kann. Das ist nicht nur eine Philosophie, entstanden unter vielen Regierungsformen mit wechselnder Moralität, es ist auch eine literarische Tradition, wie man bei dem Literaturwissenschaftler Michail Bachtin nachlesen kann. Die Transposition des Karnevals in die Literatur, um die Welt auf den Kopf zu stellen, eine Gattungstradition der fröhlichen Relativität, der Offenheit und Unabgeschlossenheit, der ironischen Ambivalenz, der spöttischen Parodie, des grotesken Austauschs von oben und unten in der kurzen Weltzeit zwischen Geburt und Tod. Schon in wenigen Zeilen aus dem Buch Le Grand haben Sie diesen Heine, seine aus der Normalität gerückte Perspektive: ›Wir kletterten auf das große Kurfürstenpferd und schauten davon herab auf das bunte Marktgewimmel,‹ haben Sie die rasche Veränderung des bisher so Beständigen. ›Als ob die Welt neu angestrichen worden, ein neues Wappen hing am Rathause, die Ratsherren hatten neue Gesichter angezogen und sahen sich an auf französisch und sprachen bon jour.‹ Und: ›Mir wurde ordentlich schwindlig, ich glaubte schon, die Leute ständen auf den Köpfen, weil sich die Welt herumgedreht.‹ Was von den neuen Ideen zur Beglückung der nun kopfstehenden Welt zu halten ist, das besingt der tolle Alouisius und der besoffene Gumpertz, übriggebliebene Vertreter des aristophanischen Volkschors. Lesen Sie es nach.
Die modernen Stammväter dieser Literatur heißen Rabelais und Cervantes. Für Heine war der Don Quichotte ein ganz besonderes Buch. Aber ein Dostojewski gehört auch dazu, das sei erwähnt, damit wir hier nicht in die falsche Lustigkeit geraten. Denn dieses Lachen kommt aus der tragischen Erkenntnis, daß wir den alten Gewohnheiten, wie Montaigne es formulieren würde, sehr ohnmächtig gegenüberstehen, daß wir nie auf Dauer etwas ändern, der Blick des Raisoneurs ist daher ein verzweifelter Blick, er kann die Handlungen der Menschen nur als Tragikomödie empfinden. Heine ist für mich der einzige deutsche Autor, der in all seinen Werken die Tragikomödie der Welt beschreibt. In einem bewußten Lachen und in der rheinischen Haltung des: Es könnte auch alles anders sein. Eine Erkenntnis, die uns unser Leben halbwegs ertragen läßt. Aber welche Bitte hat zum Schluß der englischen Fragmente der Narr, der seinen Herrscher bei Laune hielt, und in dem sich Heine in seiner Rolle zum deutschen Volk gespiegelt sieht: »Ach! lieber Herr, laßt mich nicht umbringen.« Ich kannte Heine schon als Kind. Das Buch Le Grand war in meinem Kopf, wenn ich durch die Stadt ging. Immer war ich stolz darauf, daß es hier kein Ghetto gab, daß hier früh eine Hugenottenkirche erbaut werden durfte. Daß es hier immer Zuwanderer gab, die diese Stadt mitprägten, angefangen bei den italienischen Kunsthandwerkern der Anna Maria Louisa von Toskana, der Frau Jan Wellems.
Meine väterlichen Vorfahren, florentinische Seidenweber, ins französische Lyon geflohen, als Hugenotten weiter nach Preußen geflohen, kamen in das Herzogtum Berg, weil es hier ein Toleranzedikt gab. Später dann den liberalen Code Napoleon, den auch Heine verteidigte. So wandert man durch die Zeiten. Mein Bruder liegt in Bayern begraben. Mein Vater in Düsseldorf, meine Mutter nun im Badischen. Meine Großmutter vom polnischen Zweig der Familie in Gelsenkirchen, ihr Mann in Verdun, ihre Eltern irgendwo in Polen. Einige Verwandte ohne Gräber in den Verbrennungsöfen einer anderen Zeit. Wer einmal ins Wandern kommt, kann sich nur noch Europa als Heimat denken. Denn mit der Toleranz ist das so eine Sache, sie verliert sich leicht. Da muß man weiterziehen. Womit wir wieder bei Heine wären.
›Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt, und zufällig dort geboren ist...‹ Sie alle kennen diesen viel zitierten Satz von Heine. Er ist für mich besonders wichtig, denn ich bin auch in Düsseldorf geboren, bin hier aufgewachsen, habe lange hier gelebt, Sprache und Lebensphilosophie dieser Stadt bedeuten mir viel, aber Heimat fand ich wie Heine nur in der Sprache, in der Einsamkeit der illusionslosen Worte, ohne Hoffnung, aber auch ohne Verzweiflung, in der Erkenntnis des Vergeblichen, schreibend auf der Grenze zwischen drei Staaten, hier ein Fremder und da ein Fremder, gespalten wie das Heine-Denkmal des Bert Gerresheim.
Ich wünsche Düsseldorf, der Stadt, die sich dem leidigen Sachverhalt, Heines Geburtsort zu sein, nicht entziehen kann, daß sie sich an ihre alten Toleranzedikte erinnert, an ihre liberale Tradition, die im Grundgesetz weitergeführt wird, daß sie weniger Handy-Stadt und mehr Heine-Stadt sein will. Es ist nachhaltiger, um ein Modewort zu gebrauchen, wenn eine Stadt auf der Seite ihrer Künstler steht, ihnen die Freiheit für ihre Arbeit nicht verweigert, damit sich die Künstler nicht immer wieder anderen Städten zuwenden müssen.
Darum ist es bedeutsam, und das wollte ich begründen, daß es geistig so unabhängige Institutionen gibt wie die Heinrich-Heine-Gesellschaft und das Heinrich-Heine-Institut, das nun auch für lange Zeit auf meine Manuskripte achten wird. Und so bin ich denn, Professor Kruse sei Dank, auf einem kuriosen Umweg wieder zu Hause angekommen. Mein Dank gilt auch meiner treuen Verlegerin, denn das Wort treu und Verleger ist eine seltene Verbindung, aber unbedingte Voraussetzung für die Entstehung von Literatur. Der Schlußdank gehört meiner Frau – sie weiß schon warum.
© Dieter Forte (Basel)
Die Begrüßungsrede von Ingrid Bachér